Papst Benedikt XVI. und der Holocaustleugner

Gedanken zum Problem der kirchlichen und bürgerlichen Exkommunikation

Wolfgang Krebs

Kurzübersicht

Gedanken zum Problem der kirchlichen und bürgerlichen Exkommunikation
ISBN: 978-3-941216-15-0
Veröffentlicht: Oktober 2009, 1.. Auflage, Einband: Broschur, Seiten 322, Format DIN A5, Gewicht 0.45 kg
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Papst Benedikt XVI. und der Holocaustleugner

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Details

Die Wiederaufnahme eines exkommunizierten Holocaustleugners in die Gemeinschaft der Katholischen Kirche, die Papst Benedikt XVI. im Frühjahr 2009 verfügte, hat zu heftigen Reaktionen, auch zu innerkirchlicher Kritik und Feindseligkeit gegenüber dem Papst geführt. Vorliegendes Buch gibt jedoch der Entscheidung des Vatikans Recht und zeigt, dass die Krise um die Reintegration des antijüdischen Bischofs weitgehend auf spezielle psychologische Voraussetzungen und falsche Erwartungshaltungen der Kritiker zurückging. Es behandelt Fragen des Kirchenrechts, der Geschichte des Antisemitismus und unternimmt eine politische und theologische Analyse zum Problem der Judenfeindlichkeit.

Der Autor:

PD Dr. Wolfgang Krebs, Jahrgang 1963, ist Germanist, Musikwissenschaftler und Historiker. Er arbeitet als freier Buchautor und Wissenschaftsberater.
Homepage des Autors: http://www.wolfgang-krebs.de

Vorbemerkung

Papst Benedikt XVI. ist nicht dafür bekannt, die offene Konfrontation zu scheuen. Der Disput über Fragen des Glaubens, der Kirche oder der Gesellschaft rechnet zu den Konstanten, die sich in nahezu allen Abschnitten seines geistlichen Lebens wiederfinden. Als Protagonist des Streits, der Joseph Ratzinger trotz aller persönlich gewinnenden Züge stets war, ist er selbst umstritten. Gewiss wäre es sehr einseitig, die Individualität des Papstes auf das Kämpferische zu reduzieren. Ebenso wenig hilft es weiter, seine vormalige Funktion innerhalb der römischen Glaubenskongregation zum Anlass für unsachgemäße Vorurteile zu nehmen. Doch wahr ist auch, dass es nicht zu den Maximen Benedikts XVI. gehört, es allen und jedem Recht machen zu wollen.
Der Stil, in welchem Joseph Ratzinger von je seine Auseinandersetzungen zu führen pflegte, entsprach dem intellektuellen Anspruch und der universitären Sozialisation. Papst Benedikt kennt Standards in der Ausdrucksweise, der Geschliffenheit der Rede, Logizität der Gedanken und in der analytischen Durchdringung. Im günstigen Fall erwuchsen auf dieser Basis gedeihliche Dispute über Sach- oder Grundfragen. Einiges Aufsehen erregte die Begegnung Kardinal Ratzingers mit Jürgen Habermas, dem nichtchristlichen Liberalen, im Rahmen einer Diskussion in München.[1] An der Sorbonne zeigte Joseph Ratzinger ebenso wenig Bedenken, sich auf die säkulare Moderne einzulassen, wie in zahlreichen akademischen bzw. akademisch fundierten Vorträgen, die den nichtreligiösen oder auch den konfessionellen und innerkirchlichen Gegner herausforderten.[2]
Ein charakteristisch ‚intellektuelles’ Verhältnis pflegt Joseph Ratzinger zur Politik. Dass er immer wieder zu aktuellen Tagesfragen Stellung bezieht, verdeckt nicht den Grundzug seiner politischen Fühlungnahme mit der Geschichte und der Gegenwart: Er überschreitet radikal die zeitlichen Dimensionen, in denen sich politisch-gesellschaftlich relevante Gedanken für gewöhnlich entfalten. Pointiert ausgedrückt, Benedikt XVI. denkt eher in Jahrhunderten als in Legislaturperioden. Die Weite der Perspektive überwiegt den Blick auf vorübergehende Konstellationen und Machbarkeiten mitunter bis hin zur Interesselosigkeit gegenüber den Letztgenannten. Ein gutes Beispiel dafür ist Benedikts Verhältnis zu ‚Europa’. Das Identitätsproblem, was den Kontinent ausmache, überlagert die Niederungen des Brüsseler EU-Alltags. Ratzinger entwirft das Panorama einer christlich geprägten Kultur im Horizont von Jahrtausenden.[3]
Papst Benedikt setzt das Vermögen, komplexe Zusammenhänge analytisch zu ordnen und in größeren geschichtlichen Kontexten zu denken, stillschweigend immer wieder bei denen voraus, die sich diesem Anspruch kaum gewachsen zeigen. Wohl mangelt es Joseph Ratzinger selbst keineswegs an der Fähigkeit, schwierige Materien verständlich darzustellen. Sogar die populäre Rede ist ihm nicht fremd; zahlreiche Predigten, auch aus seiner Zeit als Erzbischof und Kardinal, belegen dieses Vermögen. In manch entscheidenden Momenten der jüngeren Vergangenheit kam es dennoch zu erheblichen Kommunikationsstörungen. In der Phase der Stockung des zureichenden Verstehens wirkt Papst Benedikt XVI. auf eine für ihn kennzeichnende Art etwas hilflos. Besonders augenfällig erscheint diese Form der Hilflosigkeit in der Situation der Kampagne. Kampagnen sind bekanntermaßen weder die Horte differenzierender Geistestätigkeit, noch führen in ihnen jene das Wort, die den Atem der Geschichte oder gar metaphysische Bezüge ins rasch dahingesagte Vorurteil einfließen lassen. Dort regieren das Schlagwort, die Unterstellung, die Vereinfachung. Joseph Ratzinger hat diesen Phänomenen wenig entgegenzusetzen. Seinen Reaktionen auf die Äußerungen des Ungeistes wohnt regelhaft ein Element von Ratlosigkeit inne. Gesellt sich zur Unsachlichkeit der Debatte dann noch die Hitzigkeit der negativen Emotionalität, der Empörung und des Hasses, kann die Störung des Kommunikationsflusses schmerzlich erfahrbare Folgen haben.
Der Bruch im Verstehenkönnen war schon im Zuge von Benedikts Rede Glaube, Vernunft und Universität (Regensburg,[12. September 2006] zu beobachten, mit deren Feinheiten unbedarfte Muslime und fanatische Islamisten nicht zurande kamen.[4] Als Teile der islamischen Weltöffentlichkeit infolge der Vorlesung ihre gewalttätigen Potenziale offenbarten, verschlug es dem Angegriffenen tagelang regelrecht die Sprache. Päpstliches Unverständnis über hasserfüllte und anderweitig polemische Reaktionen wiederholte sich in der Krise, die Benedikt XVI. im Zuge der Debatte um einen soeben reintegrierten Holocaustleugner (Januar/Februar 2009) durchzustehen hatte. Schweigende Betroffenheit dürfte einer der Gründe für die auffällige Zurückhaltung des Papstes gewesen sein, sich mit der Autorität seiner eigenen Person dem Unverstand und der unsorgfältigen Gedankenmischung in den Weg zu stellen. Wahrscheinlich hat sich Papst Benedikt im Zuge der Stellungnahmen gegen seine Entscheidung, einen offenkundig antijüdischen Bischof in die Gemeinschaft der Kirche zurückzuführen, mehr oder weniger verzweifelt gefragt: ob seinen wortreich agierenden Kritikern die Unterschiede zwischen Kirchenausschluss, Exkommunikation und Suspension nicht bekannt seien; wie ihm nach dem Auftritt in der Kölner Synagoge, dem Besuch in Auschwitz, seinem Buch Jesus von Nazareth und all den anderen Gesten in Richtung des Judentums im Ernst zu unterstellen sei, judenfeindliche Tendenzen wieder hoffähig machen zu wollen; wie im Besonderen die Meinungsführer des Medienzeitalters derart unredlich sein können. Sie können es in der Tat, und dass der Papst den Faktor ‚Öffentlichkeit’ nicht einkalkuliert, zeugt ebenso von der Ebene der Geistigkeit, in der Joseph Ratzinger zuhause ist, wie es der Zustimmung zu seinem politischen Wirken Grenzen setzt.
Die Proteste gegen die Wiedereingliederung von vier ‚traditionalistischen’ Bischöfen wären nicht zur (sogar vorwiegend innerkirchlichen) Krise geworden, würden die Probleme des Holocaust und des Antisemitismus keine Rolle gespielt haben. Die Shoah erwies sich auch über sechs Jahrzehnte nach dem Ende der Naziherrschaft als Reizthema besonderer Art. Es bildet den Nukleus eines speziell deutschen Geschichtsbewusstseins, welches aus den Schrecken des Dritten Reiches um die richtigen Lehren für die Zukunft ringt. Zugleich eignet es sich für die moralische Profilierung. Die Energien, die im Zuge der Holocaust-Krise zur Entfaltung drängten, gründen in einer, historisch betrachtet, noch nicht allzu fernen Vergangenheit.
Was den Verlauf anbetrifft, zählte die Kampagne gegen Papst Benedikts Entscheidung nicht zu den schlimmstmöglichen: Sie war von kurzer Dauer, es gab keine Toten, wie im Falle der angeblichen Islam-Beleidigung durch die Regensburger Rede. Die Berichterstattung trug sogar Anzeichen einer unverkennbaren Ritualisierung in sich: Sie folgte dem Muster, das sich seit langem für solche Fälle als erprobt ausgewiesen hat. Sie begann mit der Phase der Irritation, unscheinbar, aber mit Wachstumspotenzialen. Ihr schloss sich die Empörungswelle mit der üblichen exponentiell ansteigenden Intensität an, in der die Mechanismen der Rückkopplung die Aufgeregten wechselseitig zur Erhöhung des Ingrimms anleiten. Auf dessen Höhepunkt versprechen einige Standardformeln – meist bezeichnet einer der Beteiligten die Handlung eines Anderen als ‚ersten Schritt’, manchmal mit dem tautologischen Beisatz ‚in die richtige Richtung’ – das nahe Ende der Bewegung, deren Kraft denn auch rasch nahezu auf Null fällt. Besagten Wendepunkt markierte im Falle der Holocaust-Kontroverse die Aufforderung des Vatikan, Bischof Williamson solle sich unmissverständlich von seiner Haltung zum Judenmord der Nazis distanzieren. Danach verschwand das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen der veröffentlichten Meinung. Einige Nachforderungen, welche die Schritte des Vatikan kritisierten – sie seien ‚noch nicht ausreichend’ –, gingen, auch dies regelhaft, im Zusammenbruch der Kampagne unter.
Die Erkenntnis der Kruditäten moderner Kampagnen-Unkultur ist allerdings kein ausreichender Grund, jedwede Abstrusität ihrer Urheber mit Nachsicht zu quittieren. Die Vereinfachung ist das Eine, der Angriff auf die menschliche Integrität, die Ehrverletzung, die zu den Mitteln der Denunziation greift, etwas Anderes. Die Häme über den Ansehensverlust der römischen Machtzentrale – sie gelangte auf ihren Höhepunkt, als dem feindselig Behandelten nachgewiesen werden konnte, seine Verletztheit gezeigt zu haben[5] – ging in den zügellosen Willen zur Destruktion über. Ein exaltierter Fernsehmoderator beschimpfte, seine gewöhnungsbedürftige Persönlichkeitsstruktur auslebend, im deutschen Lokalfernsehen den Papst in Worten, die zu zitieren die Standards der verkehrsüblichen Umgangsformen verhindern. Eine deutsche Politikerin ließ sich zu der lehrmeisterlichen Aufforderung einer angeblich nicht ausreichenden Klarstellung der Position des Papstes in Fragen des Holocaust herbei und suggerierte damit, Benedikt XVI. habe dies nicht deutlich genug gesagt. Mit derartigen Vorkommnissen ist die Grenze des – auch im Zeichen christlicher Demut – noch Erträglichen bei weitem überschritten.
Die Behauptung, der Papst dulde antisemitische Strömungen und mache mit ihnen mehr oder weniger gemeinsame Sache, ist eine ungeheuerliche Anschuldigung. Sie vermochte während der gesamten Debatte nicht, den erforderlichen Beweis oder den Beleg nach Wahrscheinlichkeit anzutreten. Dennoch hat dieses falsche Verdachtsmoment die Diskussionen beherrscht und in eine Richtung geführt, die weder der Person des Papstes noch den Opfern des nationalsozialistischen Massenmordes gerecht wurde. Moralisch rigoros, wie sie ans Licht trat, gehörte die Unterstellung zu jenen Unehrlichkeiten, die ihre Wortführer selbst disqualifizieren. Sie war geeignet, Misstrauen zu wecken, wo es nicht angebracht war, und, wo es zuvor fehlte, absichtsvoll zu schüren.
Alles in allem: Die Krise um den Papst und den Holocaustleugner Williamson gab gehörigen Anlass, an dem Willen zur Redlichkeit heutiger Diskussionskultur zu zweifeln.
Die Motivation, ein Buch darüber zu verfassen, geht jedoch aus anderen Beobachtungen als aus denen hervor, die das Erscheinungsbild der Holocaust-Krise möglich macht. Meine Schrift beabsichtigt keine Medien- oder Politikschelte im banalen Sinn. Sie wäre ein Leichtes, enthielte aber wenig Originelles und folglich kaum Bemerkenswertes. Sie bestünde in der Erkenntnis des notorisch elenden Wissensstandes, der bei modernen Meinungsführern in puncto Kirche und Glauben vorherrscht. Sie könnte demonstrieren, dass besagte Kenntnisfreiheit – sofern die Autoren den Sachverhalt aufs rein Politische verkürzten – zu einer stattlichen Reihe fast ausnahmslos flacher Presse- und Fernsehkommentare geführt hat. Das Ungenügen an medialen Wirklichkeiten würde sich indes auf eine Ebene begeben, die dem Verständnis der Vorgänge und der Einsicht in deren Notwendigkeiten abträglich wäre. Verstehenwollen erfordert eine auch innerkirchlich ausgerichtete Betrachtung. Die Ereignisse um den Skandal der Holocaustleugnung geben Veranlassung zur Reflexion der Zusammenhänge aus Sicht eines modernen Katholiken. Allerdings nicht zu einer solchen, die aus dem Wirbel um die Papst-Entscheidung rein organisatorische Konsequenzen zieht. Von Interesse sind nicht so sehr die Vorschläge zu einer verbesserten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder zur Professionalisierung des Vatikan, so wünschenswert beides für die Zukunft auch sein mag. Die Forderung der Stunde drängt, wesentlich grundsätzlicher, auf eine Betrachtung, die über die Korrektheit des Verhaltens von Kirchenmitgliedern in dieser Krise hinaus die Selbstverständnisfrage stellt.
Das Interesse am Grundsätzlichen, welches den christlichen Glauben und die Katholische Kirche im Ganzen betrifft, statt an Oberflächenphänomenen sein Genügen zu finden, beginnt mit einer einfachen Feststellung: Journalisten, Fernsehkommentatoren und Talkshowmaster sind je auf ihre Weise Spiegelbilder der Gesellschaft und keineswegs eine zum Antireligiösen und Antiklerikalen verschworene Gemeinschaft. Warum sollten diese Meinungsproduzenten über die Schwierigkeiten des katholischen Kirchenrechts besser informiert sein, als es selbst die Gebildeten in der Katholischen Kirche sind? Weshalb hätten sie mit der römischen Kurie schonender ins Gericht gehen, weniger scharfe Klingen führen müssen, zumal es ein hoher Würdenträger des deutschen Episkopats für angezeigt hielt, von offenen Messern im Vatikan zu sprechen? Inwieweit wäre es ihre Pflicht gewesen, die Öffentlichkeit über Zusammenhänge ins Bild zu setzen, die nicht einmal unter den katholischen Laien Beachtung gefunden haben? Müssen die Vertreter der säkularen Moderne mehr Verständnis für die erklärungsbedürftige Entscheidung der Kirchenleitung aufbringen, als es mehrheitlich die Gläubigen tun? Zu guter Letzt: Sollte die Aufgabe, innerkirchliche Kritiker des Papstes über die Grundlagen ihrer eigenen Religion aufzuklären, ausgerechnet demokratisch und liberal geprägten Intellektuellen zufallen?
Genau darum geht es: Nicht die säkularen Teile der Bevölkerung erwiesen sich im Verlaufe der Krise als Problem der Katholischen Kirche, sondern die eigenen Reihen.
Das Panorama der Illoyalität, die Papst Benedikt XVI. erfuhr, war für sich selbst bemerkenswert, aber im Zeichen gewachsener demokratischer Kultur weniger schwerwiegend, als es konservative Katholiken empfunden haben mögen. Heute ist es auch innerhalb der Kirche weder notwendig noch wünschbar, das Papsttum von kritischen Einwendungen auszunehmen. Die vorliegende Studie übt auf ihre Weise Kritik an einigen Komponenten der Entscheidung des Papstes. Sollten Andere, Katholiken wie Nichtkatholiken, sich genötigt fühlen, unter Wahrung von Sachlichkeit und Würde über ihr Ausmaß hinauszugehen, werden sie bei dem Betroffenen keinen Unwillen erzeugen: Benedikt XVI. hat schon einmal die gesamte Menschheit dazu eingeladen, ihm zu widersprechen;[6] vermutlich stößt Kritik bei ihm auf größeres Verständnis als bei den durchschnittlichen Angehörigen der politischen Klasse oder derjenigen des Wirtschaftslebens.
Weitaus bedeutungsvoller präsentiert sich das Mosaik einer inneren Brüchigkeit, das für die heutige katholische Weltgemeinschaft charakteristisch ist. In letzter Konsequenz könnte es einen tief greifenden Wandel – Papst Benedikt würde sicherlich sagen: einen Verfall – des Verständnisses von Kirche anzeigen. Über dessen Ausmaß zu spekulieren, verbietet sich zwar, aber das Vorhandensein entsprechender Tendenzen ist evident.
Nur vordergründig geht es bei diesem innerkirchlichen Problem um die Persönlichkeit des Papstes und das Bild der Kurie: Noch immer fehlt es nicht an Verbundenheit mit der römischen Kirche, die sich in ansehnlichen Pilgerzahlen niederschlägt. Bezeugungen von Nähe und Sympathie gegenüber dem Pontifex stellen keine Ausnahmeerscheinungen dar. Die Tendenz zum Glaubensevent beginnt jedoch ihre Schattenseiten zu enthüllen. Wo die Nähe oder Entfernung zur Kirche von den Sympathiewerten der Amtsträger und sonstigen Repräsentanten abhängt oder doch maßgeblich mitbestimmt ist, gelangt ein Moment der Instabilität in die Beziehungen. Die Wandelbarkeit der Stimmung überlagert die Bindefähigkeit der Kirche als Gemeinschaft. Die Krise um die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaustleugners Richard Williamson gereicht von daher der Kurie und der Glaubensgemeinschaft unmittelbar zum Schaden. Hinzu gesellen sich Unterschiede zwischen Professor Ratzinger und seinem charismatischeren Vorgänger. Die weltweite Wirksamkeit Johannes Pauls II., die man als den Beginn der Globalisierung des Papsttums bezeichnen könnte, setzt sich unter seinem zweiundachtzigjährigen Nachfolger nicht in gleicher Weise um. Überdies wirkt bis zur Stunde das Zerrbild des unleidlichen Wächters katholischer Glaubensfragen nach, welches Joseph Ratzinger im Wesentlichen in der Zeit seines Amtes in der Glaubenskongregation zugewachsen ist.
Der Skandal um den Rechtsradikalismus eines vorgeblich rehabilitierten, in Wahrheit weiterhin suspendierten Bischofs legte ein tief ins Verhalten der katholischen Bevölkerung eingedrungenes Desinteresse frei. Die Präsenz von Glauben in der europäischen Öffentlichkeit, welche nach Jahrzehnten der verschämten Rücknahme in die Privatsphäre neuerdings wieder das Credo an Jesus Christus zulässt, darf nicht über die Realität täuschen. Die Krise um die Reintegration des Holocaustleugners ist ohne die Scheu, sich öffentlich zu den Geboten des Gottessohnes zu bekennen, kaum verständlich. Der Jude aus Galiläa bildet nach christlicher Auffassung die Mitte des Glaubens und der Kirche, sogar ‚die Kirche’ als mystischen Leib selbst. Und doch ist der Gekreuzigte in den entscheidenden Momenten der Kontroverse nicht als Maßstab setzende Autorität angesehen worden.
Die Bedeutung der Krise um Traditionalisten und Rechtsextremisten in der Kirche wäre unzulässig verkürzt, wollte man sie als Problem eines fehlenden oder vorhandenen Gemeinschaftsgefühls gelten lassen. Die oberflächliche Debatte, ob ein Auschwitzleugner im Bischofsrang appetitlich genug sei, in der römisch-katholischen Kirche geduldet zu werden, verdeckte eine Grundfrage oder betrachtete sie stillschweigend als problemlos: ob es Einzelnen oder bestimmten Gruppen zukomme, über derlei Zugehörigkeiten zu entscheiden. In den Verbalexzessen der Skandaltage regierte eine Vorstellung von ‚Gemeinschaft unter den Gläubigen’, die den Wenigsten zum Bewusstsein gelangt zu sein schien. Das Problem thematisiert nichts Geringeres als die Frage, was im katholischen Verständnis eine Kirche, die ‚Kirche Christi’ ist. Gleichrangig hierzu fordert die Krise zur Selbstreflexion heraus, was Christsein im Kontext der modernen Meinungsmacht bedeutet und inwiefern Katholiken von heute für das Bekenntnis zur Nachfolge Jesu einen Preis – nämlich den Verlust an Ansehen – zu zahlen haben, wenn sie dem Geist ihrer Kirche verpflichtet bleiben wollen.
Genau davon handelt dieses Buch, trotz allen Erwägens von Einzelfragen. Es interessiert sich nicht für die Strategien, die geeignet wären, die Katholische Kirche wieder aus der Defensive gegenüber der demokratischen Mehrheitsgesellschaft zu führen. Es fragt nur im Vorbeigehen danach, wie mit dem öffentlichen Raum in gedeihlicher Weise umgegangen sein sollte. Wer differenzierte Leitfäden zu taktisch klugem Verhalten erwartet, wird nahezu komplett enttäuscht werden. Diese Schrift behandelt die wenig reflektierten Voraussetzungen und Folgen eines politisch manifest gewordenen Anspruchs an heutige Gläubigkeit und Kirchlichkeit, der sich die Konsequenzen seiner eigenen Tendenz nicht hinlänglich vergegenwärtigt.
Die vorliegende Abhandlung gelangt dennoch auch zu politischen Aussagen und Einschätzungen. Denn es geht nicht an, die Verkürzung der Perspektive, die den Krisenverlauf stark nachteilig prägte, durch eine entgegengesetzte Vereinseitigung zu ersetzen. Es gilt den Fehler zu vermeiden, politisch-diesseitige Wirklichkeiten und kirchlich-metaphysische Wahrheiten gegeneinander auszuspielen. So gering die Neigung dieser Schrift ist, Inkompetenzen eines säkularen Denkens (das innerkirchliche eingeschlossen) hinzunehmen, so wenig entlässt sie den Vatikan aus der Verantwortung für den Leib Christi auf Erden, der keineswegs in der reinen Spiritualität aufgeht.
Die multiperspektivische Sicht wirkt einer naheliegenden, aber dennoch unangebrachten Abwehr entgegen. Im Zuge der Angriffe auf die römische Kurie könnten einige dem konservativen Spektrum zugehörige Kirchenmitglieder den fundamentalistischen Reflexen erliegen, die sich von einer unverständigen Welt umlagert sehen. Die Aufarbeitung der Krise sollte nicht den Fehler begehen, die durch sie entstandene Lage mithilfe von verschwörungstheoretischen Mustern erklärlich zu machen. Die Kontroverse war keine bloße Inszenierung unter dem Einfluss der üblichen interessierten Kreise. Diese Wahrheit sei im Besonderen in Richtung des Judentums ausgesprochen. Jüdische Organisationen in aller Welt, die stark an den Auseinandersetzungen teilhatten, besitzen fraglos eine vernehmliche Stimme in Presse und Fernsehen, damit auch auf der politischen Ebene. Doch die Vorstellung, sie sollen im Hintergrund wieder einmal die Fäden gezogen haben, zitiert die antisemitische Denkfigur, derzufolge ‚der Jude’ ein Meister der unterirdischen Verschwörung sei. Keine Haltung liegt – das Klima der Unterstellung und des Verdachtes, das sich in der Krise um das Thema der Shoah entwickelt hat, gebietet diese Erklärung – dem Autor dieses Buches ferner.
In einem ersten Schritt informiert die Schrift kursorisch über die Vorgeschichte der Holocaustleugnungs-Krise, die bis in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zurückreicht. Ich fasse mich in diesem Punkt kurz, wie auch in der Skizzierung der jüngsten Entscheidungen des Vatikan, die in den letzten Januartagen 2009 die Krise heraufbeschworen. Denn für die Kundigen der älteren und neueren Kirchengeschichte sind die Fakten bekannt. Für die weniger Informierten soll die Darstellung nicht zu langatmig ausfallen; sie vermeidet die Ausbreitung von Einzelheiten, die nicht zur Sache gehören.
Sodann sei der Papstkritik eine ausführliche Untersuchung gewidmet. Sie wirft ein Licht darauf, welches die Ansatzpunkte des verbreiteten Nichtverstehens waren. Die Untersuchungen geben eine Analyse der Forderungen, die im Zuge der Krise laut wurden, und diskutieren die Konsequenzen. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich von einer bloßen Verteidigung Papst Benedikts XVI. und seiner Reintegrationsmaßnahme. Sie stellt Kontexte her, die zu deren Verständnis erforderlich sind.
Der letzte Schritt setzt die vorhergehenden voraus, ist aber keine reine Zugabe. Er wendet sich der Transzendenz zu, die den verschiedenen Aspekten der Diskussion weitgehend abging. Eingeschlossen seien sowohl die Probleme, was unter ‚Kirche’ zu verstehen sei, als auch metaphysische Dimensionen. Diese Überlegungen dienen nicht zum Mindesten einer vorsichtigen Korrektur des positivistischen Denkens, denn sie sollen die Möglichkeit eröffnen, die Dinge von einem heute etwas ungewohnten Standpunkt aus zu betrachten.
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Das hiermit skizzierte Vorgehen provoziert Selbstverständnisfragen besonderer Art: solche, die dieses Buch an seine eigene Adresse richtet. Sie kreisen um die Frage der Verbindlichkeit, mit der die nachfolgend erläuterten Gedanken auftreten können. Sie problematisieren die Relevanz der Thesen für wissenschaftliche Belange und überprüfen die Stellung, die der eigentlich – in des Wortes doppelter Bedeutung – ‚Betroffene’ dieses Skandals, Papst Benedikt XVI. darin einnimmt.
Zunächst strebt dieses Buch über jegliches Reflektieren jüngstvergangener Ereignisse hinaus nach Wirksamkeit. Es will informieren, aber auch – nach Auffassung des Autors – unrichtigen oder einseitigen Urteilen entgegentreten. Insofern versteht es sich nicht als (wie immer bescheidener) Beitrag zur Setzung des Schlusspunktes, sondern als Teil jener Debatte, die mit der Entscheidung des Papstes einsetzte. Ausdruck dieses Wirkenwollens ist die zugegebenermaßen etwas provokante Einleitung dieser Schrift, die eine bekannte Bibelstelle auf gegenwärtige Verhältnisse anwendet. Dieses Buch wird an geeigneter Stelle erläutern, was es damit auf sich hat. Nicht alle diejenigen, die um das Ansehen des Papstes und der Kirche ehrlich besorgt waren, als sie ihre kritische Stimme erhoben, müssen sich davon angesprochen fühlen. Und der Rest, der sich dem Vorwurf der Selbstgerechtigkeit ausgesetzt sieht, darf sich damit zufriedengeben, dass die Pharisäer, historisch betrachtet, wenigstens nicht die übelsten unter den Kontrahenten des Jesus von Nazareth gewesen sind.
Des Weiteren unterliegen die Untersuchungen charakteristischen Beschränkungen. Sie nehmen nicht für sich in Anspruch, eine umfassende Aufarbeitung aller nur denkmöglichen Reaktionen und Stellungnahmen zu sein. Zugrunde liegt der öffentliche Informationsraum, das heißt, die Reflexionen nehmen die Diskussionen auf, die dem Autor durch Fernsehen und Zeitschriftenbeiträge erreichbar waren. Das Buch macht keine Aussagen darüber – und kann sie nicht machen –, welche gedanklichen Nuancen in kleineren, privaten oder halböffentlichen Zirkeln innerhalb wie außerhalb der Katholischen Kirche eine Rolle gespielt haben. Eine künftige Untersuchung wird hier zu genaueren Erkenntnissen kommen müssen. Das verurteilt vorliegende Schrift indes nicht zur Irrelevanz. Es gibt Gründe, anzunehmen, dass sich die zahlreichen Gesprächsrunden außerhalb der öffentlichen Erreichbarkeit thematisch und stilistisch nicht wesentlich anders gestalteten als die der Öffentlichkeit selbst. Nicht allein die Berichte über gehäufte Kirchenaustritte in diesen Wochen[7] geben einen Hinweis darauf, sondern auch stichprobenartige Erhebungen, die der Autor in seinem persönlichen Umfeld durchführte. Gleichwohl versteht sich meine Schrift primär als eine Reaktion auf die veröffentlichte Meinung.
Die Vorgehensweise mag wissenschaftlich grenzwertig erscheinen, doch bleibt sie nicht ohne enge Bindung an die Prinzipien der Objektivität, Präzision der Analyse und Klarheit in den Folgerungen. Hierbei dominiert der ‚verstehende’ Aspekt. Es geht dieser Arbeit um Interpretationen, die anhand der dargelegten Fakten überprüfbar sein und der Überprüfung standhalten sollen. Die Interpretationen stützen sich auf Zeitungs- und Fernsehbeiträge, aber auch auf Veröffentlichungen offizieller Art, etwa die des Vatikan, und versuchen, daraus Aussagen abzuleiten. Dass diesen Deutungen eher der Status einer Heuristik oder auch wissenschaftlicher Prolegomena zukommt, dass sie mithilfe von geeigneten Methodologien, in unserem Fall durch Umfragen und sonstige Erhebungen durch die Sozialwissenschaften, auch durch die Religionssoziologie und Sozialpsychologie, periodisch stets aufs Neue untersucht werden müssen, ist dem wissenschaftlich geschulten Blick vollkommen einsichtig.
Die Studie muss sich einige Grenzen in der Auswahl auferlegen. Das verfügbare Material ist so umfänglich und global, wie es die Krise war. Dessen Überfülle würde eine erschöpfende Aufarbeitung selbst dann unmöglich machen, wenn – wozu der Hang zu geistigem Niveau versucht sein könnte – der sprachlich und sachlich minderwertige Anteil aller Veröffentlichungen außer Betracht bliebe. Die Untersuchungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf das Material des deutschsprachigen Bereiches. Das hat nicht nur mit der Herkunft des Papstes oder derjenigen des Autors, sondern auch mit geschichtlichen Zusammenhängen zu tun. Die Debatte um Auschwitzleugnung wurde gerade in Deutschland, dem Land des Holocaust, mehr als andernorts intensiv geführt. Ihr Meinungsspektrum – Sensibilitäten und historische Verletzungen, darum für den Weltmaßstab nicht unbedingt repräsentativ – reicht für eine Darstellung wie der vorliegenden mehr als aus.
Das Buch strebt Nachvollziehbarkeit an, nicht aber Neutralität und Meinungslosigkeit. Standpunkte, wie immer sie in sprachliche Form gebracht werden, sind niemals voraussetzungslos. Wiewohl es sich nicht um eine reine Verteidigungsschrift handelt, ist ihr ein apologetischer Grundzug eigentümlich, welcher letzten Endes – infolge, nicht anstelle eines Erkenntnisprozesses – der Entscheidung Recht gibt, den exkommunizierten Antijudaisten in die Kirche zu integrieren. Dies verleitet keineswegs zur Parteinahme im schlechten Sinne. Partei zu ergreifen, heißt nicht, die Komplexität des Problems zu ignorieren, ernstzunehmende gegenläufige Perspektiven auszublenden und jeglicher Kritik ihre Ernsthaftigkeit zu bestreiten, selbst wenn die Schärfe der Wortwahl unangemessen war. Dieses Buch enthält sich der wohlfeilen Tendenz, Angriffe auf den Papst oder die Kirche unbesehen der Rubrik des antikatholischen oder antipäpstlichen Ressentiments zu überantworten. Kritische Einwände geben nicht die geeignete Grundlage für pauschale Abqualifizierungen.
Der Autor hofft, mit diesem Buch einen auch für katholische Laien lesbaren Beitrag zur Aufklärung über wichtige Grund- und Einzelfragen geleistet zu haben. Seine Niederschrift genügte aber auch durchaus persönlichen Motiven, wozu es verschweigen. Für wen diese Schrift mit innerer Notwendigkeit, die eine Entscheidungsmöglichkeit nicht zuließ, verfasst wurde, wird am Ende der Lektüre ohnedies offenkundig geworden sein: für Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. selbst. Er wird nicht die Zeit dazu haben, sämtliche Stimmen zu vernehmen, die sich zu seiner Fürsprache erheben. Doch er möge wissen, dass es diese verstehenden Stimmen gibt: auch unter den Gläubigen seines Heimatlandes.

Wolfgang Krebs, im Februar 2009

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