Lesegesellschaften in Baden 1780 - 1850

Ein Beitrag zum Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit

Torsten Liesegang

Kurzübersicht

Ein Beitrag zum Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit
ISBN: 978-3-930894-21-5
Veröffentlicht: 2000, -. Auflage, Einband: Broschur, Seiten 166, Format DIN A5, Gewicht 0.23 kg
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Lesegesellschaften in Baden 1780 - 1850

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Details

Liesegang, Torsten:
Lesegesellschaften in Baden 1780-1850
Ein Beitrag zum Strukturwandel in der literarischen Öffentlichkeit
ISBN 3-930894-21-1
Kartoniert. 164 Seiten, Illustration(en). 2000.
Preis: 20,22 Euro
Rhombos-Verlag

Aufgrund der politischen Einflusslosigkeit des Bürgertums in Deutschland nahm der Begriff der Öffentlichkeit eine zentrale Rolle im Denken der bürgerlichen Gesellschaftstheorie im 18. und 19. Jahrhundert ein. Das vom Bürgertum getragene öffentliche Räsonnement sollte ein Gegengewicht zur Fürstenherrschaft darstellen und eine Kontrolle über alle öffentlichen Belange garantieren.

Am Beginn der öffentlichen Institutionalisierung des bürgerlichen Lebens standen die Lesegesellschaften. So auch in Baden: Hier wurden zwischen 1780 und 1850 mehr als 80 Lesegesellschaften gegründet, die in den meisten Fällen die ersten Formen einer bürgerlichen Selbstorganisation darstellen. Der vorliegende Band rekonstruiert aufgrund einer breiten Quellenauswertung die Entwicklung der Lesegesellschaftsbewegung in Baden bis in die Tage des Nachmärz.

Vorwort
Die Demokratiebewegung des Vormärz, deren Radikalisierung unter anderem in die badische Revolution 1848/49 mündete, ist 1998/99 zum dritten Mal in der (west)deutschen Geschichte Anlass historischen Gedenkens. Dabei haben sich die Vorzeichen dieser Erinnerung grundlegend geändert: Ging es 1948 um die Wiederaufnahme einer demokratischen Tradition, die die nationalsozialistische Gesellschaft auszumerzen versucht hatte, wurden in den 70er Jahren die Ereignisse um 1848/49 als Teil einer linken Geschichte entdeckt. Heute fehlt der historischen Erinnerung ein solcher explizit politischer Impuls, was den liberalen Historiker Hans-Ulrich Wehler veranlasste, die Politiker für ihre Zurückhaltung im historischen Gedenken zu kritisieren.  Diese Aufforderung verkennt die Tendenz, historische Erinnerung weniger in einem politischen als in einem kulturellen Rahmen zu inszenieren. Die Kulturinstitutionen, selbst durch Logik von Effizienz und Produktivität einem stärker werdenden Legitimationsdruck ausgesetzt, übernehmen nur zu gerne diese Aufgabe.
“Die Revolution kommt ... ins Museum”, der Werbespruch der größten badischen Ausstellung zum Thema, spitzt jene Tendenz zur Entpolitisierung und Musealisierung zu; er zeigt an, dass der positive Bezug auf ein revolutionäres Ereignis, nämlich die Entscheidung eines großen Bevölkerungsteiles, der Herrschaft die Gefolgsamkeit aufzukünden, heute schadlos erfolgen kann. Das historische Ereignis gerät gar zur Vorlage für plumpe Identifikationsangebote und Verkitschung: die schwarz-rot-goldene Kokarde zum Anstecken wird gereicht zum ‘Freiheitsbier’ in der ‘Heckerwirtschaft’.

Walter Benjamins Diktum, dass “die Einfühlung in den Sieger [...] den jeweils Herrschenden zugut”  kommt, muss hier als ungenügend erscheinen. Sind die gesellschaftlichen Kräfte im Verschwinden begriffen, die an einer Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Besiegten festhalten, werden Widersprüche und Brüche der Geschichte der Besiegten durch Integration absorbiert und geglättet. Posthum erscheinen dann die Besiegten von 1848/49 als Sieger. In der Inszenierung ihrer Geschichte steht weniger die eigentliche Niederlage und damit der Sieg antidemokratischer Traditionen in der deutschen Geschichte im Vordergrund. Statt dessen wird 1848/49 zu einem Teil einer demokratisch-deutschen Erfolgsgeschichte, die teleologisch auf die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland zuläuft; als ein Versuch, eine ungebrochene deutsche Nationalgeschichte zu schreiben.

Dass heute vorwiegend die Kulturinstitutionen in staatlichem Auftrag an der Entpolitisierung und Musealisierung einer historischen Bewegung, der der Topos der kritischen Öffentlichkeit ein zentrales Anliegen war, mitwirken, mag vor dem Hintergrund der Thesen von Jürgen Habermas über den Strukturwandel der Öffentlichkeit wie eine Ironie der Geschichte erscheinen. Gleichzeitig illustriert es die Aktualität der Frage nach dem kritischen Potential von Öffentlichkeit und kulturellem wie literarischem Räsonnement nicht nur in einem historischen Kontext.

Den Anstoß für die vorliegende Arbeit lieferte die Vorbereitung für die Ausstellung ‘Literatur und Revolution in Baden 1848/49’ des Museums für Literatur am Oberrhein. Allen Beteiligten sei hiermit der Dank für ihre Unterstützung ausgesprochen; insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Archive und Bibliotheken, die durch ihre freundliche Unterstützung diese Arbeit erst möglich gemacht haben.

Karlsruhe, im April 2000 Torsten Liesegang

Inhaltsverzeichnis 
Vorwort 9
Lesegesellschaften in Baden im ausgehenden 18. Jahrhundert
bis nach der Revolution 1848/49. Ein Beitrag zum Strukturwandel
der literarischen Öffentlichkeit 11
Zum Aufbau der Arbeit 13
Lesegesellschaften in Baden: Forschungsstand und Quellenlage 15
Anmerkungen 16
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit 19
Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit durch die
Entfaltung des kapitalistischen Produktionsprozesses 19
Öffentlichkeit als Medium gesellschaftlicher Transformation 20
Literarische Öffentlichkeit als Vorstufe politischer Öffentlichkeit 21
Die Institutionen der literarischen Öffentlichkeit 22
Das Verhältnis der literarischen zur politischen Öffentlichkeit 23
Die Etablierung politischer Öffentlichkeit 24
Der Zerfall bürgerlicher Öffentlichkeit 26
Vom kritischen Räsonnement zum Kulturkonsum:  Der Zerfall der
literarischen Öffentlichkeit 27
Anmerkungen 29
Zur Kritik von “Strukturwandel der Öffentlichkeit” 33
Die historische Kritik 33
Zur Entstehung der literarischen Öffentlichkeit 35
Die marxistische Kritik 38
Zur Strukturlogik des Begriffes von Öffentlichkeit 40
Anmerkungen 43
Exkurs 1: Öffentlichkeit in der liberalen
Gesellschaftstheorie von Carl Theodor Welcker 47
Anmerkungen 51
Lesegesellschaften in Deutschland. Ein Forschungsüberblick 53
Anmerkungen 57
Exkurs 2: Der Artikel ‘Lesegesellschaften’ von Carl Theodor Welcker 59
Anmerkungen 62
Baden in der Zeit der Französischen Revolution bis zum Nachmärz 63
Anmerkungen 66
Lesegesellschaften in Baden 69
Baden-Baden 69
Donaueschingen 70
Durlach 72
Emmendingen 72
Ettlingen 74
Freiburg 75
Gernsbach 87
Heidelberg 89
Karlsruhe 94
Konstanz 101
Kork 103
Lahr 104
Lörrach 105
Mannheim 106
Offenburg 109
Weinheim 113
Weitere Lesegesellschaften 116
Anmerkungen 121
Auswertung 137
Fazit 148
Anmerkungen 150
Quellenverzeichnis 151
Abkürzungen 151
Gedruckte und ungedruckte Quellen 151
Zeitungen 156
Allgemeine gedruckte Quellen 157
Literaturverzeichnis 159
Theorie der Öffentlichkeit 159
Vereine und Lesegesellschaften allgemein 160
Lesegesellschaften in Baden 162
Badische Geschichte bis zur badischen Revolution 1848/49 164

 

Erschienene Rezensionen

Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Ludger Syré, 2002

Liesegangs Arbeit will keine zusammenhängende, umfassende Geschichte der Lesegesellschaften in Baden zwischen 1780 und 1850 sein, sondern möchte Antwort auf die Frage geben, \"inwieweit Lesegesellschaften über eine Literaturvermittlung hinaus gewirkt haben und ob ihre Geschichte Aufschluss geben kann über die Entwicklung von Öffentlichkeit: über das Verhältnis literarischer und politischer Öffentlichkeit, über die Frage nach deren Determinanten und Wirkungsräumen und nach deren Bedeutung in den Politisierungsprozessen und der liberal-demokratischen Bewegung im badischen Vormärz.\" Wie der Untertitel erahnen lässt, beabsichtigt der Autor zugleich eine Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas. Sein Buch gliedert sich in fünf Teile.
Nachdem Liesegang mit eigenen und fremden Interpretationen die zentralen Thesen von Haberma's \"Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft\" aus dem Jahre 1962 beleuchtet hat, geht er auf die kritische Rezeption dieser Thesen in der Literatur ein. Diese beiden Teile auf zusammen 48 Seiten geben das theoretische Gerüst der Untersuchung ab.
Es folgen zwei Exkurse, die sich mit den Artikeln \"Öffentlichkeit\" und \"Lesegesellschaften\" des Freiburger Liberalen Carl Theodor Welcker im \"Staatslexikon oder Enzyklopädie der Staatswissenschaften\" von 1843 befassen. Liesegang hat sie aufgenommen, weil sie \"ein zeitgenössisches Verständnis dieser beiden Begriffe\" verdeutlichen. Dritter Teil und Kern des Buches ist auf 67 Seiten eine alphabetisch nach Ortsnamen sortierte Bestandsaufnahme von 16 Lesegesellschaften in Baden. Bei der Lektüre der einzelnen Einträge erfährt der Leser, was eine Lesegesellschaft war bzw. welche lokalen Ausprägungen existieren - wichtig deshalb, weil Liesegang die Kenntnis des Begriffs \"Lesegesellschaft\", der letztlich nur ein Sammelbegriff ist, voraussetzt. Weitere 53 Gesellschaften, von denen \"nur wenige Überlieferungen\" vorhanden sind, werden am Schluss dieses Teils ind tabellarischer Form aufgeführt, darunter Gesellschaften in Bermdorf, Kl. Wald, Mösskirch, Rannheinstetten, Ruggenheim und Zarhel, von denen es in den Anmerkungen zur Tabelle heißt: \"Ortsname konnte nicht bestätigt werden.\"
Der folgende, mit \"Auswertung\" überschriebene vierte Teil des Buches konfrontiert Theorie und Wirklichkeit und räumt mit der Theorie auf: \"So können Haberma's Thesen für Baden nicht bestätigt werden\" (S. 138). Auch andere Autoren irrten sich offensichtlich (\"eklatante Fehleinschätzungen\", S. 136). Liesegangs Untersuchungsergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Lesegesellschaften standen am Beginn der öffentlichen Institutionalisierung des bürgerlichen Lebens. Zwischen 1780 und 1850 wurden in Baden mehr als 80 Lesegesellschaften gegründet, die in den meisten Fällen die ersten Formen einer bürgerlichen Selbstorganisation darstellten. Die Gründungen verliefen in Wellenbewegungen (1811 - 1820, 1830 - 1835, 1843 - 1847), folgen also, wie die Zeiträume erkennen lassen, \"wichtigen gesellschaftspolitischen Zäsuren\".
Die Motivation zur Gründung einer Lesegesellschaft wurzelte in dem Interesse am Lesen und am preiswerten Zugang zu Zeitschriften und Büchern, die damals noch nicht allgemein erschwinglich waren. Zum Teil war sie auch eine Antwort auf das Unvermögen der kommerziellen Leihbibliotheken, die Literaturbedürfnisse der Leser zu decken. Die Lesegesellschaften, im Inneren eher demokratisch strukturiert, \"formierten sich auf der Basis von einer Abschottung gegenüber den unteren Schichten\" und schlossen Frauen \"fast durchweg\" aus. Das Interesse an der Abonnierung politischer Zeitungen und Zeitschriften war groß. Die Verbreitung politisch-liberaler Ideen stand jedoch nicht am Beginn der Lesegesellschaftsbewegung; die später einsetzende Politisierung blieb auf wenige Gesellschaften begrenzt. Das Ende der Lesegesellschaften setzte mit der Gründung öffentlicher Bibliotheken (Mannheim 1870) und den sinkenden Preisen für Bücher ein.
Liesegangs Untersuchung stellt zweifellos eine nützliche Bestandsaufnahme und Dokumentation der Lesegesellschaften in Baden dar. Dazu tragen auch die zu den einzelnen Orten und Gesellschaften zusammengetragenen Quellen bei, wenngleich die Unterteilungen im fünften und letzten Teil des Buches (Quellen- und Literaturverzeichnis) ebenso wenig überzeugen wie einzelne Sigel (St statt StA für Stadtarchiv, ZfGO statt ZGO). Einer gefälligen und flüssigen Lektüre des Buches steht der Stil des Autors ebenso im Weg wie die Anlage des Buches, die nciht von ungefähr vorab auf zwei Seiten erklärt wird.

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