Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
14.10.2011
Kategorie: Life Sciences

Vereinfachte Prognosetechnik bei Schlaganfallpatienten

Gekreuzte Beine als Anzeichen für bessere Genesungschancen

München (11.10.2011) Patienten, die in den Tagen nach einem schweren Schlaganfall die Beine kreuzen konnten, hatten deutlich bessere Überlebens- und Erholungschancen, als Patienten, die dies nicht taten. Das beobachteten Forscher am Münchener LMU-Uniklinikum eher zufällig und gehen nun davon aus, dass dieser erstaunliche Zusammenhang möglicherweise die Prognose für Schlaganfallpatienten deutlich vereinfachen und zugleich verbessern kann. Ein Artikel zu dem Thema wurde am 11. Oktober 2011 in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Neurology veröffentlicht.
Um die Beobachtungen auch wissenschaftlich belegen zu können, starteten die Mediziner eine Studie mit 68 Probanden. 34 von ihnen hatten in den ersten Tagen nach dem Schlaganfall spontan die Beine übereinander geschlagen, die anderen 34 zeigten keine derartigen Bewegungsabläufe. Alle Patienten waren ungefähr gleichen Alters, hatten schwere Schlaganfälle erlitten und mussten künstlich beatmet werden. Der geistige und körperliche Zustand der Studienteilnehmer wurde vier Mal umfangreich untersucht: bei der Aufnahme ins Klinikum, am Tag des ersten Beine Kreuzens, bei der Entlassung aus dem Krankenhaus und ein Jahr nach der Entlassung. Zur Einschätzung des neurologischen Zustands der Patienten wurden vier verschiedene Bewertungssysteme genutzt - die Glasgow Koma Skala, die NIH Schlaganfall Skala, die modifizierte Rankin Skala und der Barthel Index. Bei der Aufnahme ins Klinikum konnten die  Forscher keinen Unterschied zwischen den beiden Vergleichsgruppen feststellen. Aus der Studie geht aber hervor, dass die „Bein-Kreuzer“am Tag der Entlassung weniger neurologische Symptome aufwiesen, wie zum Beispiel  Sprach- und Bewegungsstörungen. Der deutlichste Kontrast zwischen den beiden Vergleichsgruppen zeigte sich  bei der Sterblichkeitsrate. Von den 34 „Bein-Kreuzern“ verstarb im Verlauf der Studie nur einer, während es in der Gruppe der anderen 34 Patienten 18 waren.
Die Mediziner schlußfolgerten aus ihren Beobachtungen jedoch auch, dass das Beine Kreuzen in den ersten 15 Tagen nach dem Schlaganfall auftreten muss, damit sich der Krankheitsverlauf positiv entwickelt. Der Grund, dass das Phänomen so lange unerkannt blieb, liegt laut Dr. Dr. Feddersen, einem der Co-Autoren der Studie, darin, dass es sich beim Beine Kreuzen um eine unwillkürliche Bewegung handelt, die von den Ärzten meist nicht wahrgenommen wird.
Sollte sich die neue Methode auch im weiteren Vergleich mit etablierten Prognose-Techniken als korrekt erweisen, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sie eine zuverlässige Ergänzung zu den bisherigen Vorhersage-Verfahren ist. Diese sind mit aufwändiger Technik und komplizierten Berechnungen verbunden.
Jährlich erleiden etwa 250.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Er ist der häufigste Grund für erworbene, dauerhafte Behinderung im Erwachsenenalter.

(mh)

Originalveröffentlichung: Rémi, J.; Pfefferkorn, T.; Owens, R.L. et al.: The crossed leg sign indicates a favorable outcome after severe stroke, Neurology (11.10.2011),77:1453-1456
Kontakt: Dr. Berend Feddersen, Mail: berend.feddersen@med.lmu.de, Institut für Neurologie, Universität München, Marchioninistr. 15, 81377 München, Deutschland, Internet: http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Neurologie/de/index.html;
http://www.brighamandwomens.org/Departments_and_Services/medicine/services/pulmonary/default.aspx