Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
07.03.2010
Kategorie: Allgemein

Umweltstiftung fördert Schutz vor Teredo navalis

Rostock (26.02.2010). Schäden in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr richtet die Pfahlbohrmuschel weltweit an den Holzpfählen und Holzplanken von Hafenanlagen an. Versuche, die Pfähle vor dem Tier zu schützen, sind meist umweltschädlich oder sehr teuer. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt nun mit rund 123.000 Euro ein Vorhaben der Universität Rostock, das helfen soll, die Holzkonstruktionen zu erhalten. Gemeinsam mit der Taucherfirma Tai GmbH suchen die Rostocker Wissenschaftler nach einer sicheren und schnellen Methode für Hafentaucher, bei der ein spezieller Überzug aus Kunststoff an den Pfählen befestigt werden soll. Das Verfahren ermöglicht „die Instandsetzung und den Erhalt großer und alter Hafenanlagen, ohne dass neue Holzressourcen verbaut werden müssen“, so der Generalsekretär der DBU, Dr. Fritz Brickwedde.

Die Larven der Pfahlbohrmuschel (Teredo navalis), auch Schiffsbohrwurm genannt, ernähren sich von Holz, das sie beispielsweise in Form von Schiffwracks und Treibgut vorfinden. Ein Weibchen erzeugt drei bis viermal im Jahr bis zu fünf Millionen Eier. Der Parasit, der durchschnittlich etwa 20 Zentimeter lang wird, dringt als winzige Larve ein und nagt sich in einem Jahr durch etwa 30 Zentimeter dicke Holzstämme. Die Muschel kann bei stärkerem Befall erheblichen Schaden an Brücken, Hafen- und Steganlagen, Deichen und Holzschiffen anrichten, sofern diese am offenen Meer liegen. Stark vom Holzfraß betroffen sind insbesondere auch die Holzpoller, sogenannte Buhnen, die zum Schutz der Küstenstreifen als Strömungsbarriere und Brandungsbrecher in die See gerammt werden. So stellten 1993 die Mitarbeiter Staatlichen Ämter für Umwelt und Natur (StAUN) in Rostock fest, dass sich die wurmförmige Muschel durch die mehr als 1100 armdicken Buhnen an den Stränden von Mecklenburg-Vorpommern fraß. Bislang hat die Runderneuerung des alten Buhnenbollwerks aus Kiefernholz mehr als 13 Millionen Euro gekostet, so viel wie der Küstenschutz-Jahresetat des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Bei einem starken Larvenbefall sind herkömmliche Holzteile spätestens nach fünf Jahren nicht mehr funktionstüchtig. Zum Schutz des Materials vor den „Termiten des Meeres“ gibt es bislang nur unzureichende Alternativen. „Imprägnierungen mit Chemikalien helfen nicht immer, die Pfähle zu schützen und belasten zudem die Gewässer“, so Projektleiter Dr. Christian Dede von der Universität Rostock. Muschelabweisende Stützen aus Stahl, Beton oder Kunststoff sind Dede zufolge nicht ausreichend umweltgeeignet und zu teuer. Skeptisch bewertet der Experte auch die Verwendung von Tropenhölzern, die sich bisher als resistent gegen die Pfahlbohrmuschel erwiesen haben. Damit würde man die Abholzung wertvoller und geschützter Wälder fördern, so Dede.Die Lösung sehen die Experten aus Rostock in einer Ummantelung der Pfähle mit einem ökologisch verträglichen Kunststoff-Textil. „Das Anlegen des Stoffes um die Pfähle ist allerdings sehr aufwendig und extrem gefährlich für die Taucher “, so der Wissenschaftler. Hinzu kommen schlechte Sichtbedingungen unter Wasser, die Strömung und enge Abstände zwischen den Pfählen, die das Arbeiten der Taucher zusätzlich erschweren.Bevor die Pfähle mit dem Kunststoff ummantelt werden können, müssen sie mit einem Hochdruckreiniger vom zentimeterdicken Bewuchs gereinigt werden. „Im DBU-geförderten Projekt kann diese langwierige Prozedur, bei der drei Taucher höchstens ein bis zwei Pfähle pro Tag reinigen, von einem ringförmigen und um den Holzpfahl klappbaren Druckstrahler schneller erledigt werden“, bilanziert Dede. Um diese Technik weiter zu vereinfachen, werde derzeit ein zusätzliches Gerät entwickelt und getestet. Damit könne der Schutzstoff von oben nach unten um die bis zu zehn Meter langen Pfähle angebracht und befestigt werden. „Der umweltverträgliche Kunststoff hat den Vorteil, dass sich anschließend Tiere und Pflanzen wieder an dem Pfahl ansiedeln können, ohne ihm zu schaden“, erläutert Dr. Dede. Auf diese Weise würde das ökologische Biotop in Häfen und in Uferbereichen nicht verarmen. (cb)Kontakt:Prof. Dr.-Ing. Fokke Saathoff, Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät, Justus-von-Liebig-Weg 6, LAGII, D-18059 Rostock, Tel. 0381.498-3701, Fax -498-3702, eMail: fokke.saathoff@uni-rostock.de, Internet: www.auf.uni-rostock.de, www.auf.uni-rostock.de/uiw/iw/index.aspDr. Christian Dede, Universität Rostock, Institut für Umweltingenieurwesen, Lehrstuhl für Landeskulturelle Ingenieurbauten, D-18051 Rostock, eMail: christian.dede@uni-rostock.de.Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), An der Bornau 2, D-49090 Osnabrück, Tel. 0541.9633-0, Fax -9633-190, eMail: info@dbu.de, Internet: www.dbu.de

 

Der Schiffsbohrwurmbefall in der Ostsee

In Mecklenburg-Vorpommern dienen Buhnen seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Bestandteil des Sturmflutschutzsystems. Die Anlagen bestehen aus Reihen einzelner Pfähle, die vor dem Ufer in engem Abstand zueinander in den Untergrund gerammt werden. Die einzelnen Buhnen reichen bis zu 80 Meter in See und bleiben unter normalen Bedingungen erfahrungsgemäß 40 bis 60 Jahre funktionstüchtig. 1993 stellten die Staatlichen Ämter für Umwelt und Natur (StÄUN) fest, dass sich der Schiffsbohrwurm erstmals seit 1932/34 wieder massenhaft vermehrte. Im Unterschied zu früheren Vorkommnissen, die immer zeitlich beschränkt waren, hält der Befall seither an. Im Monitoringprogramm „Befall von Teredo navalis an ausgewählten Buhnensystemen Mecklenburg-Vorpommerns“ haben die StÄUN die Schädigung und Zerstörung durch den Schiffsbohrwurm detailliert dokumentiert. Demzufolge wurden bereits 410 der insgesamt 1023 Buhnen sanierungsbedürftig. Bei Befall hält ein Pfahl nur fünf bis maximal 10 Jahre und muss dann ausgetauscht werden. Das „Institut für Angewandte Ökologie“ in Broderstorf hat im Auftrag der StÄUN potentielle Schutzmaßnahmen recherchiert. 1996 scheiterte in Nienhagen der Versuch, Pfähle aus Stahlbeton zu rammen, da der Beton beim Rammvorgang abplatzte. Als problematisch erweist sich ein anderer Test, bei dem in Graal-Müritz in den Jahren 1997/98 für zwei Buhnen Kunststoffpfähle verwendet wurden. Die Pfähle, die aus gebrauchten Kunststoffverpackungen gefertigt werden, bestehen nach Angaben des Herstellers, der sächsischen Firma Reluma GmbH, zu 100 Prozent aus recyceltem Polypropylen und Polyethylen. Laut StÄUN können gesicherte Aussagen zur Eignung erst nach langjährigen Untersuchungen getroffen werden. Hierzu seien auch weitere Ergebnisse über mögliche Schadstoffauswaschungen notwendig. Gegen den Einsatz von Kunststoffpfählen zur Schadensbeseitigung könnte die HELCOM-Empfehlung 16/3 stehen, die auf der Grundlage des Übereinkommens über den Schutz der Meeresumwelt des Ostseegebietes auch von der Bundesrepublik Deutschland beschlossen wurde. Diese Regelung erlaubt den Einsatz von künstlichen Materialien nur dann, wenn keine geeigneten natürlichen Materialien zur Verfügung stehen. Im Versuchsstadium befindet sich noch die Verwendung von imprägnierten Kiefernpfählen. Laut StÄUN liegen in Deutschland keine konkreten Aussagen über langfristig wirksame Holzschutzmittel gegen den Schiffsbohrwurm vor. Zudem sei die Umwelttoxizität noch nicht geklärt. Hierzu läuft ein Versuchsprogramm, in dem neben der Befallkontrolle auch die Auswaschung der Holzschutzmittel und die Schadstoffakkumulation in Miesmuschelpopulationen der Buhnenpfähle untersucht werden.Um den Buhnenbau fortsetzen und somit den Sturmflutschutz gewährleisten zu können, setzt Mecklenburg-Vorpommern seit 1997 bohrwurmresistente Tropenhölzer ein, die das Siegel des Weltforstrates (Forest Stewardship Council - FSC) tragen.Bis 2004 bezog Mecklenburg-Vorpommern demnach circa 65.000 Rammpfähle von einer Firma, das entspricht etwa 400.000 Kubikmeter Holz. Seit 2002 bietet ein weiterer Lieferant Hartholz mit FSC-Zertifikat an, es handelt sich um eine Eukalyptusart. Bislang sind laut Angaben der StAUN FSC-zertifizierte Rammpfähle verschiedener tropischer Harthölzer für mehr als 13 Millionen Euro verbaut worden. Die bisher gerammten Buhnen sind den Untersuchungen zufolge funktionstüchtig. Ein Teredobefall wurde nicht festgestellt. Die StAUN verweisen darauf, dass der Einsatz von FSC-zertifiziertem Tropenholz als Übergangslösung im Buhnenbau mit den Umweltverbänden Grüne Liga, Greenpeace und NABU abgestimmt worden sei. Die Lizenzierung durch das FSC-Zertifikat ist jedoch nicht unumstritten. Dies zeigen Proteste von Umweltorganisationen aus acht Ländern, die vor einigen Jahren den FSC kritisierten, Zertifikate für die Holzplantagen großer Konzerne in Südamerika herausgegeben zu haben. Nicht eines der Unternehmen erfülle das FSC-Mandat, nur nachhaltige Forstwirtschaft zu unterstützen, hieß es in der Begründung (http://www.faszination-regenwald.de).In einer Studie aus dem Jahr 2005 stellt beispielsweise die Umweltorganisation Pro Wildlife fest: „Derzeit gibt es kein zuverlässiges Label, das dem Käufer wirklich die Naturverträglichkeit eines Tropenholzproduktes gewährleisten kann.“ Die Umweltschutzorganisation „Rettet den Regenwald e.V.“ erneuerte die Kritik zum Jahresbeginn 2010 in ihrem Report “Die Label Lüge – FSC Zertifikat als Türöffner für Regenwaldabholzer“.Eine umweltverträgliche Abhilfe sucht man auch in Niedersachsen. Dort hat das Wilhelmshavener Forschungszentrum TERRAMARE zusammen mit einem Erfinder aus Neuenhaus (Nordhorn) Erfolge mit einem speziellen Gewebe aus sogenannten basaltischen Fasern erzielt. Basalt ist ein Gestein, das in der erstarrten Schmelze von Vulkanausbrüchen enthalten ist. Es kann industriell geschmolzen und zu einem Hitech-Fasermaterial weiterverarbeitet werden, mit dem man Planken überziehen und Balken umwickeln kann.Die Ergebnisse der Versuche, die am Terminal der Nordwest Oelleitungsgesellschaft und im Nassauhafen in Wilhelmshaven durchgeführt wurden, sind den Angaben zufolge eindeutig: Die basaltischen Fasern bieten einen effektiven Schutz vor dem Schiffsbohrwurm. Ungeschützte Kontrollhölzer zeigten extremen Befall, an faserumhüllten Balken dagegen wurde nicht ein einziger Bohrwurm gefunden. Erkenntnisse über die mechanische Festigkeit der basaltischen Gewebe können jedoch nur langjährige Tests erbringen.Kontakt:Staatliches Amt für Umwelt und Natur, Rostock, Erich-Schlesinger-Straße 35, D-18059 Rostock, Tel. 0381.122 - 20 00, Fax: 0381.122 - 20 09, eMail: Poststelle@staunhro.mv-regierung.de, Internet: http://www.staun-rostock.deInstitut für Angewandte Ökologie Forschungsgesellschaft mbH, Alte Dorfstraße 11, D-18184 Neu Broderstorf, Tel. 038204.618 0, Fax: -618 10, eMail: info(at)ifaoe.de, Internet: http://www.ifaoe.de Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg (ICBM), Forschungszentrum TERRAMARE, Prof. Dr. Gerd Liebezeit, Schleusenstraße 1, D-26382 Wilhelmshaven, Tel. 04421.944 100, Fax: -944 199, eMail: gerd.liebezeit@terramare.de, Internet: http://www.icbm.de/Klaus Dieter Sakrowski, Handelsunternehmen für Spezialfasern und Consulting, Gartenstrasse 9, D-49828, eMail: KSakrowski@aol.com.Informationen zum Holzlabel:FSC Arbeitsgruppe Deutschland e.V: http://www.fsc-deutschland.de/vista verde: http://www.vistaverde.de/Suche/Wasser__Boden__Luft/Umweltzeichen_und_Label/Holz/Kritik an Holzzertifikaten:Pro Wildlife kritisiert Tropenholzhandel: "Auch FSC bietet keine Sicherheit"Pro Wildlife Studie (2005): „Affenschande. Die Vernichtung der Tropenwälder und die Folgen für Primaten, Download (PDF) Die Label Lüge – FSC Zertifikat als Türöffner für Regenwaldabholzer. Regenwald Report 01/2010http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php, Download (PDF)