Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
05.01.2019
Kategorie: Klimaforschung

Perspektivwechsel in der Raumplanung in Zeiten von Klimaveränderungen

Stadtentwicklung bei Überflutung: Planer präsentieren Vorschläge, wie Städte Raum für Wasser schaffen können

Sydney. In Küstenstädten wird es wegen des Klimawandels immer häufiger zu Überflutungen kommen. Daher muss die Menschheit lernen, in Einklang mit dem Wasser zu leben. Australische Wissenschaftler empfehlen naturnahe Lösungen. Das hierzu notwendige Wissen müsse dringend angewendet werden. Denn wenn die Menschen nicht schnell lernten, wie mit Wasser in Städten umzugehen ist, werde das Wasser Städte und Menschen in der Zukunft noch härter treffen, so die Wissenschaftlerin Elisa Palazzo  in einem Artikel, der am 4. Dezember 2018 in der Onlineausgabe des australischen Non-Profit-Mediums The Conversation veröffentlicht wurde.

Die Siedlungen an den australischen Küsten sind den Einflüssen der Klimaveränderungen stark ausgesetzt. Städte, die widerstandsfähig gegenüber den klimatischen Bedingungen sind und mit großen Wassermassen umgehen können, müssen daher in Zukunft Standard werden.

Laut der Wissenschaftlerin Elisa Palazzo, Dozentin am Fachbereich Urban and Landscape Design der University of New South Wales in Sydney, zeigt die Forschung deutlich, dass das Klima immer unsteter wird. Wetterereignisse wie die Sturzflut in Sydney im November 2018 werden öfter und extremer vorkommen, während die Zeitspanne zwischen den Vorfällen immer kürzer werden wird. Mit einem höheren Meeresspiegel und regelmäßigen Überflutungen werden Wasserlandschaften ein Teil des städtischen Lebens werden.
Die meisten australischen Städte befinden sich in Küstennähe oder in der Nähe von Flüssen. Ob die Menschen es schaffen, die globale Erderwärmung bei unter 1,5 Grad Celsius zu halten oder nicht: die Mehrheit der australischen Bevölkerung wird bald in einer Überschwemmungszone leben.

Laut Palazzo müssen die Menschen lernen, Überschwemmungen als regeneratives Element anzusehen, das das Leben auch im städtischen Umfeld verbessern kann. Den Wasserkreislauf zu verstehen ermögliche es, eine positive Beziehung zwischen natürlichen Prozessen, Pflanzen und Menschen zu schaffen.
Lange hätte die Stadtplanung die Möglichkeiten übersehen, die das Regenwasser in städtischen Systemen bietet. Regen sei jedoch kein Abfall, der entsorgt werden muss. Stattdessen sollte Wasser als nicht-erneuerbare Ressource angesehen werden, die geschützt und wiederbenutzt werden kann.
Diese Veränderung im Umgang mit Regenwasser sei in einigen städtebaulichen Vorreiterprojekten bereits sichtbar. Städte wie New York, New Orleans und Kopenhagen beginnen Palazzo zufolge nach den Überschwemmungen der vergangenen Jahre bereits mit der Umstrukturierung. Dort würden städtebauliche Maßnahmen radikal die Art verändern, wie Räume genutzt, erlebt und wahrgenommen werden.

Innovative Strategien verstehen Palazzo zufolge Überflutungen eher als natürlichen Prozess, „mit dem gearbeitet werden muss, denn als Prozess, gegen den man standhalten muss“. Unstrukturierte, sanfte und auf der Natur basierende Lösungen sollen in Zukunft technisch entwickelte Maßnahmen ersetzen. Diese Projekte würden den Klimawandel nutzen, um Vorteile für die Bewohner zu entwickeln.
Die Idee, mit Wasser Hochwasserschutz mit natürlichen Mitteln zu betreiben, wurde schon vielfältig erforscht. Die Ergebnisse lassen sich in vier Strategien einteilen:
„Schwammräume und sicheres Ablassen des Wassers“: Ein Netzwerk kleiner und mittlerer Grünflächen absorbiert und speichert überschüssiges Wasser. Nahezu alle Freiflächen einer Stadt, beispielsweise Hausdächer, können Teil eines dezentralen „Off-Grid"-Systems sein.

Die Kopenhagener Kampagne zur klimabeständigen Nachbarschaft zielt darauf ab, zumindest 20 Prozent der öffentlichen Fläche als eine Art Schwamm zu nutzen, um Sturzfluten in innerstädtischen Gebieten zu reduzieren. Kontrolliertes Fluten eines Teils dieses Systems vermeidet Wasserprobleme an anderen Stellen, zum Beispiel auf Straßen. Diese „Safe to Fail"-Orte können zahlreiche weitere Funktionen übernehmen und den Menschen in trockenen Zeiten zur Erholung zur Verfügung gestellt werden.

„Design für Variabilität“: Die Prozesse des Wassers ändern sich mit der Saison. Die Gestaltung von Wohnsiedlungen sollte diese Veränderbarkeit reflektieren. Ein besseres Verständnis der Prozesse der Natur innerhalb einer Stadt führt hierbei zu neuem Design, das neben ökologischen Vorteilen auch den räumlichen Ausdruck verändert. Eine interessante Erneuerung in der Stadtplanung ist die veränderte Gestaltung, die die vormals starren Formen ersetzt. Eine Auswahl verschiedener Pflanzen und Erdsubstrate unterstützt die Variabilität in der räumlichen Gestaltung. Ein gutes Beispiel hierfür ist laut Palazzo der Biliancourt Park in Frankreich, in dem Wasser dafür sorgen würde, dass die Größe der Gärten sich je nach Pegelstand immer wieder verändere.
„Verschwende es nicht“: Regenwasser ist eine kostbare Ressource, die genutzt werden sollte. Undurchlässiger Boden und Dachoberflächen können Regenwasser auffangen und für eine spätere Benutzung – etwa zur Bewässerung, zum Waschen oder für die Toilettenspülung – speichern. Der Prozess ist einfach und benötigt keine spezielle Technologie. Das gilt besonders für das Wasser vom Dach, denn es ist rein genug, um so, wie es aufgefangen wird, genutzt zu werden.

Lass es durchsickern: Pflastersteine lassen das Wasser in den Grund sickern und so dem Grundwasser zuführen. Durchlässige Böden erhalten den natürlichen Wasserkreislauf und erlauben einen Feuchtigkeitsaustausch zwischen der Luft und der Erde. Zudem sorgt dies für eine Abkühlung der Stadt im Sommer und zudem für eine angenehme Wohnumgebung.
Um die Anzahl der undurchlässigen Böden zu reduzieren, sollte die Anzahl der herkömmlichen Straßen und Parkplätze durch Gras oder wasserdurchlässige Untergründe ersetzt werden. Dort, wo es dennoch nötig ist, Boden zu pflastern, sollte ein Filtersystem eingebaut werden, um die Verunreinigung des Regenwassers möglichst gering zu halten.

Die Umsetzung dieser Strategien zur Vermeidung von Überschwemmungen in privaten und öffentlichen Gebieten sei schwierig, so Palazzo und erfordere eine kollektive Anstrengung.

Forschung zu städtischer Klimaadaption zeige, dass der Prozess dieser Umgestaltung oft ein hierarchischer Prozess ist. Regierungen hätten bislang Programme zum Wiederaufbau nach Hochwasserschäden nur selten als Möglichkeit gesehen, auf die Bedürfnisse der lokalen Kommunen einzugehen.
Laut Palazzo werden gemeinsame Entscheidungen zum Wassermanagement benötigt, um die Lebensbedingungen der Bewohner an das sich schnell ändernde Klima anzupassen. Neue Herausforderungen können zu Chancen werden, wenn Umweltziele mit Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit gepaart werden.
Maßnahmen zur Anpassung an das Hochwasser würden noch immer nur sporadisch umgesetzt. Die Maßnahmen würden sich außerdem oft auf zentralisierte Feuchtbiotope in großen Parks und Gärten beschränken. Es werde aber ein kapillar-ähnliches Netzwerk benötigt, welches Städte mit hoher baulicher Dichte mit kleinen bis mittleren naturbasierten Maßnahmen durchsetzt.

Bislang gebe es keinen Beweis dafür, dass die Vorteile dieser alternativen Systeme effektiv genug sind, um massive Überflutungen zu vermeiden. Deswegen müssten diese Maßnahmen systematisch getestet und überwacht werden. Laut Palazzo müssen die Menschen anfangen, Fragen zu stellen: „Was wäre, wenn jedes Hausdach eine bepflanzte Oberfläche hätte, wenn jeder Gehweg Regenwasser auffangen und speichern würde, wenn jeder Park ein Regengarten wäre?“ (Sabine Ranke-Heinemann)


Kontakt:
Elisa Palazzo PhD
Senior Lecturer in Urban and Landscape Design
UNSW Built Environment
Sydney NSW 2052
Australia West Wing
Red Centre Building
Kensington Campus
UNSW Sydney NSW 2052
Australia
eMail: elisa.palazzo@unsw.edu.au
Internet: https://www.be.unsw.edu.au/staff/dr-elisa-palazzo

Originalartikel:

Palazzo, Elisa: Design for flooding: how cities can make room for water. In: The Conversation,
December 4, 2018, online
URL: https://theconversation.com/design-for-flooding-how-cities-can-make-room-for-water-105844